Wieso vergeben dir Freiheit schenkt

Verzeihen können: Woran du merkst, dass es Zeit ist, zu vergeben

Jemandem zu vergeben ist nicht immer leicht. Verzeihen zu können ist aber trotzdem wichtig – und zwar viel mehr für uns selbst als für den anderen.

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Wenn dir jemand unrecht getan hat, ist das schmerzhaft und kann für einen Keil zwischen euch sorgen. Du bist vermutlich verletzt, wütend oder enttäuscht. Der Person verzeihen? Gar nicht so einfach. Und wieso solltest du verzeihen, schließlich bist du nicht derjenige*diejenige der*die sich falsch verhalten hat?! Doch so einseitig kannst du die Situation nicht betrachten. Jeder macht mal Fehler. Und wenn du einer Person nicht verzeihen kannst, leidest du letztendlich vor allem selbst darunter.

Verzeihen ist so wichtig! Nur so kannst du deinen eigenen Schmerz verarbeiten. Es gibt viele gute Gründe, um zu verzeihen. Welche das sind, wie du eine Kränkung überstehst, dir deinen eigenen Gefühlen bewusst wirst und wieso es dir sehr viel besser geht, wenn du verziehen hast, verrät Astrid Kellenbenz in diesem Gastbeitrag.

Astrid ist systemischer Coach, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Hypnose-Therapeutin in ihrer Praxis: Lumen Coaching. Außerdem hat sie mit Susanne Henkel – ebenfalls Gastautorin – die erste systemische Online-Coaching Akademie gegründet: die FAMILIENBANDE. Mehr von Astrid und der FAMILIENBANDE kannst du auch auf die Ohren kriegen, nämlich mit dem dazugehörigen Podcast: Zeit für Familienbande.

Wer verzeihen kann, fühlt sich frei: Eine persönliche Geschichte

Ich kann mich noch genau erinnern: Wir standen in der Küche. Zu angespannt, um uns zu setzen oder das Licht einzuschalten und so wurde es stetig dunkler um uns herum. Aber vielleicht war das auch gut so, denn das, was wir zu besprechen hatten, war nicht leicht für uns, für meine Mutter und mich.

Ich wollte reinen Tisch machen, wie man so schön sagt, ich wollte meine Mutter nicht länger durch meine Wut und meine Vorwürfe an mich binden. Ich wollte sie freilassen, um dadurch endlich selbst frei zu werden. Ich hatte gelernt, dass Menschen nicht nur durch Liebe, Zuneigung und positive Erfahrungen mit anderen verbunden sein können, sondern auch durch das komplette Gegenteil. Während eines uns glücklich macht und beflügelt, macht das andere uns krank, zieht uns runter und bindet unsere Energie. Und genau das wollte ich an diesem späten November-Nachmittag ändern.

Ich hatte mir alles genau überlegt, mir die Worte zurechtgelegt und war am Ende doch völlig von meinen Gefühlen überwältigt. Trotzdem war es letztlich ein gutes Gespräch oder vielleicht sollte ich lieber sagen, ein guter Monolog, denn ich bat meine Mutter, mir einfach nur zuzuhören. Und dann erzählte ich ihr von meinen Erinnerungen, von meinem Gedanken. Davon, dass ich mich oft von ihr im Stich gelassen und ungeliebt gefühlt habe. Was das mit mir gemacht hat, was ich dadurch geglaubt habe, über mich und die Welt.

Natürlich war ihre Wahrnehmung eine andere. Immer wieder versuchte sie, sich zu rechtfertigen. Aber es ging mir nicht darum, festzustellen, wer von uns beiden recht hatte. Mir war völlig klar, dass sie die Welt anders sieht als ich, dass sie die Vergangenheit anders erlebt und wahrgenommen hatte. Mir ging es einzig und allein darum, sie freizugeben, damit ich frei werden konnte. Und dafür musste ich ihr all das vergeben, was ich ihr jahrelang vorgehalten hatte, laut und leise, bewusst und unbewusst – nur wenn ich vergab, würde ich frei sein können, das wusste ich.

Verzeihen: Wieso es so wichtig ist

Ist Vergebung also letztlich eine egoistische Handlung? Um ganz ehrlich zu sein, lautet meine Antwort: Ja! Aber es ist natürlich auch sehr viel mehr als das. Vergebung, das klingt so leicht, „lass doch einfach los, vergib und dann geht es Dir besser“.

Was in der Theorie so einfach klingt, ist in der Praxis eine große Herausforderung und harte Arbeit, aber eine, die sich im Leben immer lohnt. Natürlich ist es nicht einfach, den Schmerz, die Verletzungen, Wut, Trauer, ja vielleicht sogar Rachegelüste loszulassen – manchmal braucht es viele Jahre, bis Vergebung möglich ist. Doch das Gefühl, das du hast, wenn du es geschafft hast zu verzeihen, wird sich lohnen. 

Tipp fürs Verzeihen: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Am Anfang steht immer der Entschluss, dass sich etwas ändern muss. Vielleicht weil man immer wieder von negativen Gedanken und Erinnerungen übermannt wird, weil man sich immer und immer wieder ungerecht und schlecht behandelt fühlt, kurzum, weil man in einem Gefängnis der eigenen Erinnerungen und Gefühle sitzt.

Jedes Mal, wenn die Erinnerungen wieder auftauchen, wenn wir wieder Dinge denken, wie: „Womit habe ich das verdient“, rutscht unser Selbstwertgefühl in den Keller. Wir fühlen uns wertlos und ungeliebt. Und natürlich hat das auch Auswirkungen auf unsere Zukunft, denn das, was wir von uns halten, bestimmt auch maßgeblich unser Handeln. Und wenn wir uns nichts zutrauen, wenn wir keinen Mut haben, wenn wir nicht an uns glauben, dann werden solche Sätze zu selbsterfüllenden Prophezeiungen. (Hier findest du mehr zu dem Thema: Glaubenssätze erkennen und umprogrammieren: Du bist mehr, als du glaubst!)

Wenn wir uns aber entschließen zu vergeben, verlassen wir augenblicklich die Rolle des Opfers, das immer andere für das eigene Leben verantwortlich macht und übernehmen selbst das Ruder – Kurs in Richtung Freiheit!

Verzeihen lernen: Wie geht Vergebung?

Nachdem der Entschluss einmal gefasst und der Wille zur Vergebung da ist, geht es darum, sich selbst klar zu machen, was genau man eigentlich vergeben will. Es geht darum, sich zu sortieren und zu überlegen: Welche Vorwürfe trage ich mit mir herum?

Wir fangen also an zu reflektieren. Statt immer wieder das Vergangene zu durchleben, schauen wir jetzt von außen darauf analysieren, statt einfach nur vor Selbstmitleid zu vergehen. Bei dem einen geht das schneller, bei dem anderen braucht es mehr Zeit. Aber Zeit spielt keine Rolle, denn auch der Weg ist ein Teil des Ziels, weil wir die Perspektive wechseln und auch das hat heilende Wirkung.

Ob am Ende des Prozesses auch eine persönliche Aussprache wie mit meiner Mutter folgt oder nicht, bleibt ebenfalls jedem selbst überlassen. In vielen Fällen ist so eine Aussprache gar nicht mehr möglich, weil der Betroffene bereits verstorben oder gar nicht bekannt ist, dann hilft allein die Vorstellung eines solchen Gesprächs oder ein Brief, den man an die Person schreibt und vielleicht nie abschickt. Das Wichtigste ist, das du überhaupt verziehen hast.

Verzeihen: Vergeben und Vergessen?

Für mich bedeutet Vergebung ganz ausdrücklich nicht automatisch Vergessen. Wenn jemand etwas vergibt, heißt das nicht, dass das Geschehene verharmlost, ungeschehen oder eben vergessen wird – es heißt, loszulassen, nicht länger daran festzuhalten, nicht mehr und nicht weniger.

Es heißt zuzulassen, nicht mehr nur das Negative in seinem Gegenüber wahrzunehmen, sondern ihn als Mensch mit Stärken und Schwächen, mit guten und schlechten Eigenschaften zu sehen und zu akzeptieren. Um es mal mit einem einfachen Beispiel zu verdeutlichen: Ich kann meinem Freund vergeben, dass er mein Auto geklaut und zu Schrott gefahren hat und dennoch darauf bestehen, dass er mir ein neues kauft.

Verzeihen als Therapie: Wieso Vergebung für inneren Frieden sorgt

Seit einigen Jahren wird Vergebung auch wissenschaftlich untersucht. Dr. Robert Enright hat 1994 ein internationales Institut für Vergebensforschung gegründet und fasst die Ergebnisse der Studien folgendermaßen zusammen: „Wir finden jetzt mit wissenschaftlichen Methoden heraus, was wir seit Tausenden von Jahren hätten wissen können: Vergebung tut seelisch und körperlich gut.“

So wurde unter anderem festgestellt, dass die Anzahl von Angstzuständen und Depressionen bei denjenigen, die eine Vergebungstherapie gemacht hatten, deutlich geringer war als bei denen, die keine machten. Wer mehr über diese Art der Therapie und Dr. Enright erfahren möchte, dem sei sein Buch „Vergebung als Chance“ ans Herz gelegt.

Verzeihen: Wie meine Geschichte weiterging

Meine Mutter und ich haben niemals wieder über dieses Gespräch gesprochen, – ich weiß nicht, ob sie es überhaupt erinnert. Es ist mir aber auch nicht wichtig, denn für mich hat dieses Gespräch viel verändert: Ich kann meiner Mutter heute ohne Groll und Zorn begegnen.

Wir werden sicher keine enge und hochemotionale Mutter-Tochter-Beziehung mehr aufbauen, aber ich sehe sie heute mit anderen Augen als vor unserem Gespräch. Ich sehe in ihr die Mutter, die damals das Beste getan hat, das sie konnte, auch wenn es mir sehr weh getan hat. Ich sehe in ihr die Mutter, die selbst gelitten und an sich gezweifelt hat, und ich sehe in ihr die Mutter, die sich heute sehr viel Mühe gibt, Dinge anders zu machen und mit der ich sogar ab und an herzhaft lachen kann. Und das tut einfach gut!

Astrid Kellenbenz schreibt als Gastautorin für den Bereich Seele.
Astrid Kellenbenz schreibt als Gastautorin für den Bereich "Seele". Foto: Astrid Kellenbenz

Artikelbild und Social Media: Eva-Katalin/iStock