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Literaturwettbewerb


3. Platz: "Gierig"


Von Kathrin Brüggemann
Hier präsentieren wir den 3. Platz des Maxi-Literaturwettbewerbs!

Wie kann man nur solche Bauchmuskeln haben? Ungläubig starre ich zum Fernseher. Es läuft „Wetten Dass…?“. Was auch sonst. Es ist ja schließlich Samstag. Samstagabend. Thomas Gottschalk sieht seinem Wettkandidaten dabei zu, wie dieser auf dem Boden liegend Gummibärchen in einen Mini-Basketballkorb schießt. Nur mit der Kraft seiner Bauchmuskeln. Er ist ziemlich schlecht, die meisten gehen daneben. Aber die Bauchmuskeln sind steinhart.

Meine Nachbarn scheinen das Fernsehprogramm konsequent zu ignorieren. Seit Stunden schon hören sie klassische Orchestermusik. In einer unmenschlichen Lautstärke. Gezwungenermaßen muss ich mit mithören. Wie schön! Durch die dünnen Wände dringen die ungeduldigen Töne der Streicher an mein Ohr. Ich drehe mich auf die Seite, um an die Schokolade auf dem Nachttisch zu kommen. Da ich am äußersten Rand meines Bettes liege, muss ich mich ziemlich strecken. Viel zu groß mein Bett. Ich nehme ein Stück meiner Lieblingsschokolade - Caramel von Milka - und lasse das zähflüssige Caramel auf meiner Zunge zergehen. Noch spüre ich den Geschmack. Noch kann ich genießen. Ich blicke wieder zum Fernseher.

Das Sixpack-Wunder hat seine Wette verloren. Die Assistentin legt ihm tröstend den Arm um die Schulter. Sie hat auch einen extrem flachen Bauch. Ich streiche über meinen Bauch und stelle fest, dass meine Hand sich dabei mehrmals hebt und wieder senkt. Ich werde wohl niemals einen so straffen Bauch haben. Egal, wie viel Sport ich mache und wie wenig ich esse. Bedrückt denke ich an meinen heutigen Shoppingversuch.

Ich war bei H&M. Als ich aus der Umkleidekabine kam, empfing mich der abwertende Blick einer superschlanken Verkäuferin. Ich betrachtete mich im Spiegel und konnte es nicht fassen. Trotz der 14 kg, die ich in den letzten drei Monaten dank Nulldiät abgenommen hatte, sah ich immer noch aus wie Mariah Carey an einem ihrer ganz schlechten Tage. Das T-Shirt in Größe L spannte sich über meinen Bauch und ich konnte nicht einmal den Ansatz einer Taille erkennen.

Neben mir stand ein pubertierendes Mädchen Marke Magermodel. Angestrengt drehte sie sich vor dem Spiegel hin und her, um den Sitz ihrer knallengen Röhrenjeans in Größe XS zu überprüfen. Oder suchte sie ihr quasi nicht vorhandenes Hinterteil? Schnell verschwand ich wieder in der Kabine. Ich hörte nur noch, wie sie fast schon schluchzend zu ihrer ebenfalls untergewichtigen Freundin sagte, wie fett sie doch geworden sei. Es könne doch nicht sein, dass sie tatsächlich eine S anprobieren muss.

Ich zog mich schwitzend in der engen Kabine mit den viel zu großen Spiegeln um und suchte das Weite. Gekauft hatte ich mal wieder nichts. Ich war einfach zu dick. Zu unpassend. Irgendwie anders.

Ich schiebe mir den letzten Riegel der Schokolade in den Mund, zerbeiße die Stückchen und schlucke, ohne das Caramel geschmeckt zu haben. Zu den Streichern kommen jetzt auch noch die Flötenspieler. Die Lautstärke des Orchesters scheint angeschwollen zu sein. Super, so eine Gratisvorstellung. Ich klopfe mit einem Regen-schirm an die Zimmerdecke, so wie ich es immer mache, wenn ich meine werten Nachbarn an meine Existenz erinnern möchte. Aber es geschieht natürlich nichts.

Schwerfällig stehe ich auf und schlendere in meinen alten Hausschlappen Richtung Küche. Eigentlich mache ich ja eine Diät, aber da ich eh schon die Schokolade gegessen habe, kann ich jetzt auch weiter essen. Ich mache mir drei Backofen-Brötchen warm und belege sie mit Schinkenwurst und doppelt Käse. Ich brauche jetzt das Fett, um mich wohl zu fühlen. Um mich sicher zu fühlen.

Ich nehme den Teller mit den Brötchen und ein großes Glas Milch, schlendere zurück und lasse mich auf`s Bett fallen. Ich setze mich in den Schneidersitz und verschlinge mein Mahl. Ich spüre, wie die Brötchen meinen Magen unangenehm füllen. Aber ich esse trotzdem weiter und widme mich dem „Wetten, dass…?“ – Geschehen. Mario Barth löst seinen Wetteinsatz ein. Er soll ausnahmsweise nett über seine Freundin reden und ihr live im TV eine Liebeserklärung machen. Bei dem Thema Liebe dreht sich mir der Magen um. Unsanft werde ich daran erinnert, warum ich an einem Samstagabend allein bin. Es ist gefährlich, wenn ich mich solchen Gedanken hingebe. Aber ich kann nicht anders.

Mark. Die Erinnerung an ihn tut weh. Er war so anders als die anderen. Nicht so spießig, nicht so abgehoben, nicht so glattgebügelt. Er war fast 40, 14 Jahre älter als ich, vom Leben gezeichnet, charmant, sensibel. Ich hatte das Gefühl, dass er mir bis auf den Grund meiner Seele schauen konnte. Er hat mich verstanden. Er könnte sich in mich verlieben. Dachte ich. Hoffte ich. Bis vor einer Woche eine Email kam. Mit dem alles entscheidendem Satz: „Ich habe mich in meine Nachbarin verliebt.“ DONG! Da war er, der Vorschlaghammer. Ich fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen. In seine Nachbarin? Sollte dass ein Witz sein? Bestimmt war ich ein Opfer der „Versteckten Kamera“ ge-worden. Warum kam bloß niemand, um mir zu versichern, dass alles nur ein Spaß gewesen sei? Das konnte nicht sein. Wenn er sich verliebt hat, dann doch bitteschön in mich und nicht in seine Nachbarin, die alte Schreckschraube.

Schmerzlich musste ich registrieren, dass er weg war. Mitsamt seiner Zuneigung, die mich umhüllt hatte wie ein dicker Wintermantel. Ich spürte, wie ich in mir zusammenfiel. Heftiger Liebeskummer überfiel mich von einer Sekunde auf die andere. Die ganze Welt fühlte sich schlecht an. Warum hat er sich von mir abgewandt? Es musste an mir liegen. Ich war mir sicher. Ich hatte alles fasch gemacht. Ich war schuld.

Gierig verschlinge ich die letzte Brötchenhälfte. Ich merke, wie mich die ins Bett gefallenen Bröt-chenkrümel unangenehm in die Haut piksen. Es ist mir egal. Ich kuschel mich unter die Decke. Am liebsten hätte ich mir die Decke über den Kopf gezogen, um dem Orchesterkrach meiner Nachbarn zu entfliehen. Anscheinend geben jetzt auch die Spieler der Blechinstrumente ordentlich Gas.

Genervt stopfe ich mir den letzen Brötchen-Rest in den Mund und merke, dass es mich wieder in die Küche zieht. Ich bin noch nicht satt genug. Entsetzt stelle ich fest, dass ich nur noch gesunde Nahrungsmittel im Kühlschrank habe. Scheiß-Diät.

Ich schaue bei meiner Mitbewohnerin nach. Sie hat noch Käsesuppe im Kühlschrank stehen. Ich wärme das sämige Gemisch schnell auf und nehme mir zwei große Teller mit. Dazu noch die halbe Packung Negerküsse, die kalte Salamipizza von gestern und die angebrochene Chipstüte. Jetzt ist es eh egal. Ich werd´ ihr das morgen schon irgendwie erklären können. Ich hoffe, dass mich keine von meinen beiden Mitbewohnerinnen bemerkt und schleiche über den Flur in mein rettendes Zimmer. Ich breite meine Fressalien vor mir aus und beginne mit den Ne-gerküssen. Zwischendurch esse ich von der Suppe und beiße von der Pizza ab. Ich kann den Ge-schmack kaum noch wahrnehmen, die Konsistenz nicht mehr unterscheiden. Alles wird zu einem einzigen, pappigen Brei. Automatisch führe ich Löffel für Löffel in den Mund, beiße Stück für Stück ab, kaue und schlucke mechanisch. Obwohl ich eigentlich gar nicht mehr will. Aber ich kann nicht aufhören. Nur das Fernsehprogramm kann meine Aufmerksamkeit hin und wieder fes-seln und mich ablenken.

Iris Berben hat genau wie Mario Barth ihre Wette verloren. Sie muss zur Strafe mit verbundenen Augen angebliche kulinarische Hochgenüsse probieren. Unter anderem Stierhoden. Ich muss an meine Freundinnen denken. Wir haben früher oft solche Du-isst-jetzt-was-was-Du-nicht-siehst-Spielchen gespielt. Heutzutage wären solche Spielchen natürlich weit unter ihrem Niveau. Sie haben ja auch Besseres zu tun. Sich um ihre Familienplanung kümmern zum Beispiel. Die Erinnerung an unser letztes Treffen bereitet mir Magenschmerzen.

Als ich den Raum betrat, fühlte ich mich wie ein Eindringling in eine perfekte Werbewelt. Meine Freundinnen spielten dabei die Rollen der außergewöhnlich hübschen Protagonistinnen, die am Designertisch ihrer Schöner-Wohnen-Küche saßen und sich ihr strahlendes Perl-Weiß-Lächeln zuwarfen. Sie hatten schließlich allen Grund dazu. Vor Glück kichernd zeigten sie sich gegenseitig ihre auf Hochglanz polierten Verlobungsringe, reichten gerahmte Fotos ihrer Vorzeige-Freunde Marke Ken herum und prahlten von ihren wunderschönen Fertigbauhäusern.

Nachdem ich ihnen von der Mark-Mail erzählt hatte, änderte sich die Stimmung. Ich hab genau gemerkt, wie sie plötzlich alle betreten zu Boden blickten oder wissende Blicke austauschten. Sie hatten erwartet, dass ich ihnen mit stolz geschwellter Brust mitteilen würde, dass ich neuerdings eine von ihnen bin, eine Vergebene. Eine, die es schafft, einen Typen für sich zu gewinnen. Eine, die ab jetzt an ihrem Bilderbuch-Leben teilnehmen darf. Aber ich hatte es mal wieder nicht geschafft. Ich hatte versagt. Und musste draußen bleiben.

Ich halte mir den Suppenteller an den Mund und flöße mir hastig die restliche Suppe ein. Ein paar dickflüssige Brocken schleimen sich in einer fettigen Spur an meinem Mund vorbei, den Hals hinunter und bleiben am T-Shirt hängen. Lustlos säubere ich mich mit der bloßen Hand. Ohne Erfolg. Die Orchestermusik meiner Nachbarn hat inzwischen einen so hohen Geräuschpegel erreicht, dass ich das Gefühl habe, dass selbst die Fensterscheiben vor Wut erzittern. Ich bin kurz davor, mich zu beschweren, aber ich traue mich nicht. Stattdessen greife ich zu einer Packung Schoko-Müsliriegel und schiebe mir ungeduldig einen nach dem anderen in den Mund. Mein Magen ist kurz davor zu platzen, aber das ist mir egal. Ich hab es nicht anders verdient. Wie durch einen Schleier nehme ich das Spektakel bei „Wetten, Dass…?“ wahr.

Thommi feuert einen Kandidaten an, der „O Sole Mio“ singt, während ihm 15 Autos über seinen durchtrainierten Bauch fahren. Ich kann die Schmerzen des Kandidaten nachempfinden. Nur dass mich gefühlte 100 Autos überfahren haben. Ich fühle mich zermatscht. Zu voll, um mich zu bewegen. Der Schmerz in meinem Bauch lässt keine anderen Gedanken mehr zu. Das ist das Gute. Keine Erinnerungen an Mark, an mein Aussehen, mein Versagen. Ich schlucke den Rest des achten Riegels runter. Ich will nur noch schlafen, an nichts mehr denken müssen.

Mühsam stehe ich auf, um mir die Zähne zu putzen. Ich wanke zum Badezimmer, immer darauf achtend, dass mich meine Mitbewohnerinnen in diesem Zustand nicht sehen. Die Zahnbürste steht in ihrem Becher. Ich nehme sie heraus, streiche Zahnpasta auf die Bürste und stecke sie mir in den Mund. Wie ferngesteuert drehe ich mich langsam um und gehe zur Toilette. Ich öffne den Deckel und beuge mich leicht herunter. Die Zahnbürste drehe ich herum, wobei der Zahnpasta-Schaum von der Bürste schwappt. Egal.

Ich schiebe den Stiel der Bürste so weit in den Rachen, dass ich würgen muss. Es geht schwer heute. Die Müsliriegel haben den Magenausgang verklebt. Wahrscheinlich hätte ich mehr trinken sollen. Ich habe mal wieder Angst, dass ich ersticken könnte. Aber ich muss durchhalten, bis alles raus ist. Die dröhnende Orchestermusik über mir vermischt sich mit dem rauschenden Blut in meinem Kopf. Alles verschwimmt vor meinen Augen. Es scheint eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis es vorbei ist. Ich versuche langsam, mich wieder aufzurichten. Mir ist schwindelig und alles schmerzt. Mein Kopf pocht und fühlt sich unendlich schwer an. Als wenn er meinen Körper mit aller Gewalt in den Boden drücken will. Ich drehe mich mühsam um. Und erstarre.

3. Platz: "Gierig" - brueggemann
Autorin Kathrin Brüggemann

Zwei Augenpaare schauen mich geschockt an. Meine Mitbewohnerinnen. Ich habe vergessen abzuschließen. Oh mein Gott. Stille. Keine Orchestermusik mehr. Wir stehen uns gegenüber und schweigen.

Ich fühle mich ertappt. Entblößt. Ich sitze in der Falle.

Hilflos wird mir bewusst, dass meine mühsam aufgebaute Fassade nicht mehr da ist. Sie haben mich erwischt. Es fühlt sich so an, als wenn meine Seele anfängt zu frieren. Wie wild fange ich an zu schreien und brülle drauf los. Sie sollen sich verpissen. Sofort! Geschockt stolpern beide aus dem Raum. Ich sehe nur noch, wie sie sich hilflos anschauen, bevor ich die Tür zuknalle.

Ich bin allein. Schaue in den Spiegel. Ich erkenne mich nicht mehr. Mein Gesicht ist knallrot und geschwollen. Ich habe Druckflecken am Hals, das Weiße in meinen Augen ist rot. Rund um meine Augen sind kleine, rote Punkte. Geplatzte Äderchen. Jeder Horrorfilm-Regisseur würde mich mit Freuden als Hauptfigur einsetzen. Zum ersten Mal wird mir bewusst, was ich hier überhaupt tue. Ich schäme mich. Zutiefst.

Langsam und schwerfällig gehe ich zurück in mein Zimmer und sacke auf `s Bett. Sie haben mich erwischt. Endlich. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie bei Gottschalk ein Wettkandidat mit bloßen Händen eine Bratpfanne zerdrückt.

Mein Kopf sinkt auf mein kühlendes Kopfkissen, ich will nur noch schlafen. Meine letzten Gedanken sind die, dass sich was ändern muss. Ich will mich nicht mehr zerdrücken lassen. Ich muss raus aus der Enge, aussteigen aus dem Karussell schlechter Gedanken. Den Teufelskreis durchbrechen.

Ich greife zum letzten Müsliriegel.


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